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Nie wieder!

Befreiung - Was sonst?

Befreiung – Was sonst?

Rund 50 Menschen gedachten am Sonntag, dem 71. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus, auf dem Gögginger Friedhof in Augsburg der hier ruhenden sowjetischen ZwangsarbeiterInnen, die von den Nazis ermordet wurden. Am Mahnmal mit dem Sowjetstern wurde ein Kranz niedergelegt, und Harald Munding und Franz Egeter von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) fanden bewegende Worte.

Das Mahnmal erinnert daran, dass sich im April 1945 sowjetische Zwangsarbeiter bei Messerschmitt gegen ihre Peiniger erhoben. Der Aufstand wurde von den Faschisten brutal niedergeschlagen. Nach qualvollen Folterungen wurden fünf »Anstifter« im Wald erschossen und in einer Grube verscharrt. Eines der Opfer hatte aber die Erschießung überlebt und konnte sich die wenigen Tage bis Kriegsende in Augsburg verstecken. Daher konnte man seine toten Kameraden finden und auf dem Gögginger Friedhof begraben.

Mahnmal auf dem Gögginger Friedhof

Mahnmal auf dem Gögginger Friedhof

Ansprache von Franz Egeter (VVN-BdA KV Augsburg)

Liebe Kameradinnen und Kameraden, liebe Anwesende!

Ich begrüße Sie alle herzlich und freue mich, dass Sie der Einladung unserer Organisation, der „VVN – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ gefolgt sind.

Heute vor 71 Jahren – am 8. Mai 1945 – ging in Europa ein verheerender Krieg zu Ende. Die Lager waren befreit, und der deutsche Faschismus schien zunächst besiegt.
Ein Teil der Gefangenen der Nazis hatte nach unendlichem Leiden überleben können – Frauen, Männer und Kinder aus unseren Nachbarländern und aus der Sowjetunion. Dennoch hatte der Krieg fast 60 Millionen Menschen das Leben gekostet. An diese unvorstellbar große Zahl sollten wir uns in diesen Tagen erinnern und dies als Mahnung begreifen.

Aber Deutschland hatte sich nicht selbst befreit – und wir dürfen nie vergessen, dass in Europa der Sieg und der Ruhm der Befreiung in überwältigendem Maß der Sowjetunion gebührte.
Bei den jährlichen D-Day-Feiern zur Landung der Alliierten in der Normandie wird gerne – und zum Teil als propagandistische und historische Verfälschung – außer Acht gelassen, dass es die Rote Armee (!) war, die zu diesem Zeitpunkt die Nazi-Wehrmacht an der Ostfront schon fast besiegt hatte.

27 Millionen Tote hatte der deutsche Überfall auf die Sowjetunion allein auf Seiten dieses angegriffenen Staatenbundes gefordert. Nach Kriegsende wurde die Erinnerung an diese Opfer im antikommunistischen Konsens des Kalten Krieges verdrängt, und auch heute wollen nicht mehr viele erkennen, dass die Sowjetunion  die Hauptlast der Befreiung vom Faschismus und die größten Opfer zu tragen hatte.

Mindestens 14 Millionen der in der UdSSR ermordeten Menschen waren Zivilistinnen und Zivilisten. Von den 6 Millionen Kämpferinnen und Kämpfern der Roten Armee, die in deutsche Gefangenschaft geraten waren, gingen etwa 3,3 Millionen zugrunde.

Mit dem „Kommissarbefehl“ vom Juli 1941 ordnete das NS-Regime die Vernichtung sogenannter „untragbarer Elemente“ aus den Kriegsgefangenenlagern an. Menschen jüdischen Glaubens, Kommunistinnen und Kommunisten, sowjetische Offiziere und alle Männer und Frauen unter den Kriegsgefangenen, die als sogenannte „Aufrührer“ denunziert wurden, sollten ausgesondert werden. Völkerrechtswidrig wurden sie von der Wehrmacht an die Gestapo übergeben und zur Exekution in die Konzentrationslager überführt.
Nicht weit von hier – in Hebertshausen – wurden zwischen dem Herbst 1941 und dem Sommer 1942  4000 Soldaten der Roten Armee bei Massenerschießungen durch die SS getötet. Nicht einmal die Namen der Ermordeten durften aufgeschrieben werden – lediglich die Nummern ihrer Erkennungsmarken wurden notiert, in der Absicht, eine Identifizierung für immer unmöglich zu machen.

Der damals 24-jährige Moisej Tempkin – er war Jude und Rotarmist – berichtete, wie er sich mit zweihundert gefangenen Soldaten der Roten Armee im November 1941vor dem Erschießungskommando in Hebertshausen nackt ausziehen und in Fünfer-Reihen aufstellen musste. Es war so kalt, dass die SS-Mörder auf dem Schießplatz Pelzmäntel trugen. Er war einer von den wenigen vor Angst und Kälte zitternden Sowjetsoldaten, die unerwartet vor der Hinrichtung wegtreten mussten, weil man ihre Arbeitskraft noch benötigte. Alle Anderen wurden nacheinander erschossen. Er selbst überlebte wie durch ein Wunder zehn Konzentrations- und Vernichtungslager der Nazis – allein in Dachau war er zweimal.

Eigentlich sollte kaum jemand aus den Weiten Russlands, der Ukraine und Weißrusslands überleben. Von Anfang an war der Krieg der Deutschen als rassenideologischer Raub- und Vernichtungskrieg konzipiert und sollte freien Siedlungsraum im Osten schaffen.

Als im Mai 2015 – also vor 1 Jahr – die deutsche Bundesregierung endlich beschloss, den überlebenden sowjetischen Kriegsgefangenen eine Entschädigung zu gewähren, waren keine 4000 von ihnen mehr am Leben. In den Bundeshaushalt wurde ein beschämender Entschädigungsbetrag von 10 Millionen Euro eingestellt – das machte 2500 Euro als Abgeltung für jeden der geschundenen Menschen aus der sowjetischen Befreiungsarmee, die bis zum vergangenen Jahr ein deutsches Kriegsgefangenenlager überlebt hatten.

Wir stehen hier vor einem Mahnmal, das an die lange in Deutschland verschwiegene Opfergruppe der sowjetischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter erinnert. Die hier Geehrten wurden durch Sklavenarbeit in Augsburger Rüstungsbetrieben und durch die Qualen in den Folterkammern der Gestapo vernichtet.

Sie wurden zur brutalen Ausbeutung ihrer Arbeitskraft mit Viehwaggons hierher gebracht. Diejenigen, welche diese Transporte überlebten und nicht gleich an der Rampe aussortiert wurden, waren dann den tödlichen Waffen ‚Hunger und Zwangsarbeit‘ ausgeliefert:
Drei Monate gaben die SS-Führer durchschnittlich einem männlichen KZ-Insassen an restlicher Verwertungszeit beim Zwangseinsatz in Steinbrüchen, auf Baustellen, in Bergwerken und Rüstungsbetrieben. Nach dieser Zeitspanne war der Tod durch Erschöpfung, Verhungern oder Vergasen vorgesehen.

Als Antifaschistinnen und Antifaschisten fühlen wir uns verpflichtet, den 8. Mai nicht nur als Gedenktag zu begehen, sondern ihn als Tag der Befreiung und als eine Chance für Frieden, Solidarität und Menschlichkeit zu feiern.

Die Bedeutung dieses 8. Mai zeigt sich in den Kerngedanken internationaler Abkommen, nationaler und schließlich auch deutscher Gesetze.
Das Potsdamer Abkommen beschloss die Liquidierung faschistischer Ideologie, die Liquidierung des deutschen Militarismus und die Demokratisierung aller Lebensbereiche.

Ins Völkerrecht wurden die Kategorien „Kriegsverbrechen“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ aufgenommen, und der Artikel 1 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 drückt die Ablehnung der faschistischen Ideologie der Ungleichwertigkeit aus:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Und ebenso konsequent beschreibt der erste Satz des Deutschen Grundgesetzes den Kern des Antifaschismus:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Im ‚Schwur von Buchenwald‘ am 19. April 1945 wurde in französischer, russischer, polnischer, englischer und deutscher Sprache ausgerufen:
„Heute sind wir frei !
. . .
Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht !
Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung.
Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.
Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig.

Ich möchte mit einer Ermutigung zum 8. Mai schließen:

Begreifen wir, dass der Widerstand gegen jede Form von Ausgrenzung und Herabwürdigung anderer Menschen gerade heute täglich notwendig ist, um den Frieden, die Gerechtigkeit und die Menschlichkeit bei uns und weltweit zu sichern.